Rosa Fieber – Ansteckung erwünscht

Die italienischen Radfans befällt das rosa Fieber. Ansteckung in diesem Fall ausdrücklich erwünscht - (c) privat

Radfahren boomt, nicht erst seit Corona. E-Bikes sind im Kommen und Italien seit jeher ein Radsport begeistertes Land.

Wenn sich die Profis beim Giro d’Italia im Kampf um das Rosa Trikot durch den Stiefel strampeln, werden die Häuser mit rosa Luftballons und rosa Schleifen geschmückt. Die italienischen Radfans befällt das rosa Fieber. Ansteckung in diesem Fall ausdrücklich erwünscht. Gleiches gilt für den kleinen Bruder, den Giro-E.

Dort treten passionierte Amateurradler auf E-Rennrädern in Teams gegeneinander an. Auf denselben, etwas verkürzten Strecken, auf denen sich rund zwei Stunden später die Profis ohne E-Unterstützung ins Ziel kämpften. Unsere Autorin Maren Recken, ist im Team der Italienischen Zentrale für Tourismus ENIT einige Etappen beim Giro-E mitgefahren.

Tag eins und ich verabschiede mich vom ersten Vorurteil: E-Bike fahren ist unsportlich. Von wegen. Eigentlich hätte ich bereits am Vorabend im Gespräch mit unserem Teamkapitän hellhörig werden müssen. „Immer mehr Profis nutzen E-Rennräder zum gezielten Training“, erzählt mir Max Lelli, selbst Ex-Profi mit zahlreichen internationalen Erfolgen und beim Giro d’Italia 1991 Erster in der Nachwuchs-, Dritter in der Gesamtwertung sowie Gewinner von zwei Bergetappen.

„Wer sich quälen will, kann das auch auf dem E-Rennrad.“ Vor uns liegt noch der Großteil der heutigen 100-Kilometeretappe und ich denke an Max Worte während er uns mit fordernder Geschwindigkeit eine Anstieg mit 18% hochtreibt. Das geht trotzt Batterieunterstützung in die durchaus trainierten Beine und ist Teil einer Sonderaufgabe, von der es auf jeder Etappe welche zu meistern gilt. Im Roadbook nennt sich das „tratto regolarità“. Auf der Straße bedeutete es: Auf eine vorgegebene Länge eine vorgegebene Durchschnittsgeschwindigkeit fahren, zu großen Teilen bergauf. Ich denke daran, was Max mir sonst noch über das E-Rennrad erzählt hat und versuche seinen Rat für steile Anstiege umzusetzen: „Schalte viel. Ist die Trittfrequenz zu hoch, bringt der Motor nicht die maximale Unterstützung“. Ich schalte einen Gang höher, trete etwas langsamer in die Pedale, der Motor greift besser, ich werde schneller. Innerlich notiere ich: Mein E-Rennrad ist trotzdem kein Mofa, die Anstrengung am Berg bleibt unter dem Strich die gleiche wie sonst auch. Dafür bin ich bergauf wesentlich flotter unterwegs als mit dem eigenen Rennrad ohne E.

Die Ernüchterung folgt wenig später auf einer langen Flachetappe. Das aus sieben Sechserteams bestehende Peloton tritt kräftig in die Pedale. Die Streckenführung verläuft in moderatem Auf und Ab. Die Geschwindigkeit liegt über viele Kilometer bei plus/minus 40 km/h. Weit jenseits der Motorunterstützung, die bei 25 aufhört. Zusätzlich bringt das E-Rennrad mit 12 kg mehr Gewicht auf die Straße als die Rennradvariante ohne Akku.

Im Sog des Pelotons wird das alles nebensächlich. Dank der vielen Kilometer, die ich dieses Jahr bereits in den Beinen habe, halte ich, obwohl es anstrengend ist, gut mit. Die ganz besondere Atmosphäre des Giro-E zieht mich immer mehr in ihren Bann. Die Rennleitung immer voraus rauschen wir Konvoi aus Begleitfahrzeugen, Polizeieskorte und technischer Assistenz über die bereits für die Profis gesperrten Straßen und erleben selbst etwas Profifeeling.

Das Ziel rückt näher, immer mehr Zuschauer finden sich am Straßenrand ein. Jubeln Corona konform mit Abstand und Maske. Das Virus ist allgegenwärtig. Am Straßenrand, beim Temperaturmessen und Händedesinfizieren bevor wir in den Fahrerbereich dürfen oder bei den regelmäßigen obligatorischen Coronatests für alle. Von der Rennleitung über die Mechaniker bis zu uns Fahrern, keiner kann sich um den Nasenabstrich drücken.

Ich genieße den Giro-E trotzdem. Das rosa Radrennfieber ist, im Gegensatz zum gefürchteten Coronavirus, im positiven Sinne ansteckend. Zu schön die Abfahrten ohne Gegenverkehr, bei denen die Serpentinen in Ideallinie voll ausgefahren werden können. Zu angenehm das Teamfahrzeug, das mich mit Wasserflaschen, Riegeln und Energiegel versorgt, sobald ich die Hand hebe. Das will ich zu Hause zukünftig auch!

Der Giro-E ist Wettkampfcharakter mit Rundumversorgung und die Möglichkeit, vom Sattel aus die landschaftliche Vielfalt Italiens zu genießen. Es geht von der sizilianischen Küste bis in die Dolomiten oder aufs für jeden Rennradler obligatorische Stilfser Joch. „Wir wollen vermitteln, dass das E-Bike ganz andere Möglichkeiten bietet, Italien zu entdecken“, erklärt Gianni Bastianelli, Direktor der italienischen Tourismuszentrale ENIT, warum die ENIT den Giro-E nicht nur sponsert, sondern, in wechselnder Besetzung, mit einem eigenen Team aus internationalen Journalisten, Bloggern und Reiseveranstaltern mitfährt. „Das E-Bike eröffnet ganz andere Möglichkeiten ein Land mit dem Fahrrad zu entdecken. Plötzlich kommt jeder mit dem Rad in die Berge, nicht nur die super trainierten Familienmitglieder“, erklärt Bastianelli den Vorteil der batterieunterstützten Fahrräder. Speziell auf E-Rennräder bezogen, sieht er den Vorteil darin, touristisch weniger frequentierte Straßen und Orte zu entdecken.

Auch ich genieße das Fahren auf diesen Nebenstraßen. Bis der Teamkapitän Zeichen gibt: kurzer Stopp am Straßenrand, Akkuwechsel. Der Teammechaniker ist super schnell, ich klicke mich nicht einmal aus dem Pedal aus, trotzdem vergrößert sich der Abstand zum Peloton, das mit 40 km/h weiter rast, im Sekundentakt. Zurück auf der Straße versuche ich aufzuholen. Alleine. Ohne Windschatten. Schlängle mich zwischen den Begleitfahrzeugen durch. Komme an meine konditionelle Grenze. „Dai, dai, forza!“ feuern mich die Zuschauer am Straßenrand an. Das hilft. Der Anschluss gelingt dann aber doch nur, als ein Motorradfahrer der „scorta tecnica“ seine Hand auf meinen Rücken legt und mich in Richtung Peloton schiebt. Den Blick auf den Tacho erspare ich mir. Ebenso den Gedanken, was wäre, wenn meine schmalen Rennradreifen Kontakt zu den Motorradreifen suchen würden. Wir sind schnell, sehr schnell, wir schließen zum Peloton auf. Wieder mit eigener Muskelkraft fahre ich gemeinsam mit meinem Team ins Ziel, wo wir auf die Profis vom Giro d’Italia warten.

Leider bleiben weniger Zieleinfahrten als geplant. Zwei Tage später geht es statt wie vorgesehen in die Prosecco-Stadt Valdobbiadene auf den Parkplatz zum Coronatest. Der Giro-E, wegen Corona bereits von Mai auf Oktober verlegt, wird zuerst ausgesetzt, dann abgebrochen. Schade, aber zur Sicherheit aller absolut richtig. Außerdem bleibt die Hoffnung auf ein Corona freies Wiedersehen beim Giro-E 2021 und die Neugier, das Radsport begeisterte Italien selbst auf dem Fahrrad weiter zu erkunden.

Weitere Informationen
www.giroe.it/cose-il-giro-e/   
www.italia.it

Über den Autor

Maren Recken

Maren Recken ist als freie Journalistin mit Videokamera, Fotoapparat und Notizblock unterwegs. Häufig in Italien, am liebsten im Gespräch mit den Menschen vor Ort; auf der Suche nach einer besonderen Story und einem authentischen Reiseziel. Sie veröffentlicht online und in verschiedenen Tageszeitungen, dreht Videos und erstellt Imagefilme. Während und nach ihrem Germanistikstudium hat sie mit verschiedenen privaten Radio- und Fernsehsendern zusammengearbeitet. Bei La Nazione in Florenz hat sie in der Onlineredaktion erlebt, wie Journalismus in Italien funktioniert.