Es ist alles dabei, auf dieser Reise von Porto Richtung Galicien. Mark und Bein erschütterndes Kopfsteinpflaster, das manchmal sogar unsere Füße aus den Pedalen hebt! Kilometerlanges Rollen auf weichem Boden durch schattige Laubwälder, eine Atmosphäre wie im „Herrn der Ringe“, mystisch und zauberhaft. Felsige, ausgewaschene Abschnitte, die höchste Anforderungen an das fahrtechnische Können stellen. Tiefer Sand. Und dann diese Holzwege! „Klackklackklack“ macht es, wenn man drüber hinwegfährt, hundertfach „klackklackklack“. Ein Sound, der in den Ohren hängenbleibt, auf dem langen Weg zum Ziel in Santiago, dem ersehnten Ziel vieler Tausender von Pilgern aus der ganzen Welt. Klassisch sind sie zu Fuß unterwegs, neuerdings sogar auf dem Pferd und nun immer öfter auf Fahrrädern. So wie unsere Pilgergruppe aus Bayern: 30 Frauen und Männer,mit robusten Ebikes, die markante Jakobsmuschel baumelt an Rucksäcken und Packtaschen, als typisches Erkennungszeichen der Pilger. Wir haben uns den „Camino portugues“ ausgewählt, mit der Variante entlang der Küste. Am Ende der Pilgerfahrt haben wir über 300 km Strecke und fast 4000 Höhenmeter auf dem Tacho. Und unvergessliche Erlebnisse im Kopf.
Eine Herausforderung
Als Fußpilger muß man sich quälen, um ans Ziel zu kommen. Tage-, wochenlang auf hartem Untergrund zu laufen, bei jedem Wetter, im nässenden Nebel der Atlantikküste, in der Gluthitze galizischer Landstraßen, gegen den stetigen starken Wind aus Nordnordwest, nicht jedermanns Sache. Als Radler hat man es etwas leichter, aber auch dabei warten die Herausforderungen. Der erwähnte Gegenwind ist frustrierend, die Anstiege auch mit elektrischer Unterstützung atemberaubend, die rasenden Abfahrten auf lockerem Untergrund gelegentlich abenteuerlich. Täglich strampeln wir zwischen 50 und 70 Kilometern auf dem Camino, die leuchtend gelbe Muschel weist uns den Weg, den viele mit uns gemeinsam gehen. Der junge Lehramtsstudent aus Regensburg nutzt die letzten Wochen vor seiner ersten Anstellung in der Oberpfalz, um sich auf dem Pilgerweg frei zu laufen, den Kopf freizubekommen für das Neue, das vor ihm liegt. Die blonde Inga aus Lettland beantwortet unsere Frage nach dem Warum? mit einer Gegenfrage: “Wieviel Zeit habt ihr?“ und Paco aus Kuba lacht:“Ich wills einfach schaffen, bis Santiago!“ Drei Jungmänner aus Ravensburg feuern uns an, zwei Fränkinnen rufen:“Wir sehen uns vor der Kathedrale!“ Die meisten Pilger kommen aus Kanada, USA, Italien, weiß unser Guide Paulo, der im früheren Leben als Erster Offizier auf riesigen Öltankern die Weltmeere befahren hat. Jetzt besitzt er ein halbes Dutzend Fahrräder, sogar eins aus Titanium(!) und führt interessierte Gäste ans Ziel ihrer Träume und Sehnsüchte. Paulo findet überwiegend ruhige, sichere Wege, er weiß, wo wir mittags einkehren können, wo es die beste Fischpfanne und den aromatischsten Cafe con leche gibt. Und er weiß auch, was ein echter Pilger braucht: täglich mindestens zwei Stempel im „Credencial del peregrino“, dem Pilgerausweis. Natürlich hat jeder von uns diesen Ausweis. Ohne den gibt’s am Ende der Fahrt nämlich keine Pilgerurkunde, im Pilgerbüro in Santiago.
Stempel, überall Stempel
Paulo weiß, wo es Stempel gibt, in Herbergen, Kirchen, Kapellen, auch in Bars und Wirtshäusern. Und er ahnt, wo es welche geben könnte. Zum Beispiel in einem Platanenwald irgendwo hinter Vigo. Paulo stoppt unser Peloton an einem kleinen Wasserfall, es ist lauschig hier, angenehm feucht, eine herrliche Pause an diesem heißen Tag in Galicien. Die Vögel zwitschern, das Wasser rauscht - und wir stellen uns an, vor dem Campingtisch von Cristiano. Der fertigt für jeden Pilger ein spezielles Pilger-Siegel an, wir bekommen eins mit Fahrradmotiv. Das malt er sogar noch aus, in Gold oder Silber, wie gewünscht. „Ich mach das einen Sommermonat lang,“ erzählt er beim Erhitzen des Lacks,“ es macht mich glücklich, den Leuten etwas geben zu können.“ Am übernächsten Tag bremst Paulo wieder ganz plötzlich: unter einer Eßkastanie sitzt Blanca und drückt reihenweise Stempel in Ausweise. Blanca trägt Tracht, singt und tanzt zwischendrin. Manchmal ist auch Suso dabei, ihr Mann. Der spielt Geige und macht so die Passanten glücklich. Manch Fußlahmer läuft danach wieder leichter weiter, immer weiter.
Pedalieren und meditieren
Diese entspannt-fröhliche Stimmung entlang des Pilgerweges baut sich auch in uns auf, mit jedem Kilometer mehr. Das Pedalieren bekommt meditative Züge, man lässt nicht nur die herrlich abwechslungsreiche, oft sehr grüne Landschaft wie einen Film an sich vorüberziehen. Gedanken über Gott und die Welt begleiten jeden „peregrino“(Pilger). Hier ein Stopp an einer alten verwitterten Kirche, dort eine Pause an der Statue des Heiligen Jakob, wir verweilen in Kapellen auf gischtumtosten Felsen, plaudern mit früheren spanischen Gastarbeitern – „ich hab‘ zehn Jahr‘ lang beim Daimler gschafft!“ – und freuen uns auf jeder Etappe auf Sonia. Sonia ist Paulos Frau, jeden Tag erwartet sie uns rund zehn Kilometer vorm Etappenort mit süßen Teilchen, portugiesische „pasteis“, „brownies“, solche Sachen. Meist selbst gebacken, genau das Richtige gegen den Hungerast vorm Ziel! Abends führt uns Paulo dann in authentische Restaurants, wo es „bacalhau“(Stockfisch), Meeresfrüchte, galizische Würstchen und natürlich Tapas gibt. Dazu den „Superbock“, das portugiesische Bier oder „Mahou tostada“, Galiciens Bier No.1, auch ohne Alkohol sehr wohlschmeckend. Man muss also weder hungrig noch durstig zu Bett gehen, allerdings geht man früh. Das stete Auf und Ab, die nötige Achtsamkeit, die zunehmende Hitze während des Radtages fordern ihren Tribut. Als Radpilger sollte man neben dem fahrerischen Können auch unbedingt über eine ordentliche Kondition verfügen. Auf unserer Pilgerfahrt müssen wir das Gepäck nicht selbst transportieren, das erledigt Tiago für uns, der Mechaniker. Der lädt sogar die Akkus für uns, jeden Abend 30 Stück. Die Vierte im Begleitteam ist Diana, Profirennradlerin aus Portugal. Daß sie auf unserer Reise mit gemütlichem Tempo hinterherradeln darf, scheint ihr durchaus zu gefallen. Kein Stress, keine Hektik, keine Jagd nach Zehntelsekunden, nur genießen.
Ganz nah dran an Land und Leuten
So zieht das Land an uns vorbei. Wir haben keinen Zeitdruck, sagt Paulo, wir kommen immer rechtzeitig an. Mal ein bißchen Sightseeing in Städtchen wie Povoa de Varzim oder Viana do Castelo,mal ein kurzes Untertauchen am Praia de Ancora (der Atlantik hat im Juni gerade mal 16 Grad!), dann wieder Staunen über die von Gustave Eiffel entworfene Eisenbrücke ( mehr als 500 m lang!) über den Fluß Lima, eine Flußüberquerung im Schnellboot, Kaffeepause in einem Tante-Emma-Laden fernab jeder Stadt- mit dem Fahrrad sind wir ganz nah dran am Leben und an den Leuten, wir hören ,riechen und schmecken die Natur, die Dörfer und ihre Bewohner. Nördlich von Padron wird es belebter auf dem Kopfsteinpflaster. Hier kommen immer mehr Pilger auf verschiedenen Wegen zusammen, es sind nur noch wenige Kilometer bis Santiago. Manche schleppen sich mühsam ins Ziel, wir schalten kurz vor dem Praza do Obradoiro ein paar Gänge herunter und schieben den Motor auf Stufe „Tour“: mit wenigen Pedalumdrehungen stehen wir vor der beeindruckenden Kathedrale- wir sind am Ziel! Verschwitzt, sonnenverbrannt, mit dem Staub der Landstraßen auf dem Fahrrad, auf Armen und Beinen. Und glücklich!
Buen camino!(Gute Pilgerreise)
Gut zu wissen
Der „Camino portugues“ gilt als der landschaftlich schönste Weg nach Santiago. Er führt von Porto über Caminha und Vigo bis zur Kathedrale. Da viele Pilger wie Hape Kerkeling die klassische Route von Frankreich übers Baskenland und Asturien nach Galicien nehmen, ist der portugiesische Weg weniger überlaufen. Die Strecke ist prima markiert und beschildert. Es gibt Übernachtungsmöglichkeiten jeder Kategorie, vom 5-Sterne-Parador bis zur Pilgerherberge (die Nacht 20 Euro im Sechsbettzimmer). Als detaillierter Leitfaden empfiehlt sich das handliche Büchlein „The portuguese way to Santiago“(16 Euro) von Sergio Fonseca aus dem portug.Verlag „Objecto anonimo“. Der Autor war mit „BR Reisen“ und „Dertour“ unterwegs, die Tour begleitet hat die Agentur „Portugal nature trails“. Beste Reisezeit: Mai/Mitte Juni und Mitte September/Oktober.
Weitere Informationen finden Sie hier…
Über den Autor*Innen
Lutz Baeucker
Lutz Bäucker ist gern unterwegs. Am liebsten auf dem Fahrrad und zu Fuß. Wahrscheinlich ist sein Beruf schuld daran: fast 35 Jahre als rasender bzw. radelnder Reporter für den BR und den ARD-Hörfunk - das prägt. Lutz gehörte 1990 zu den "Gründungsvätern der kultigen "BR Radltour", noch heute ist er mit Hörern und Zuschauern der Anstalt auf BR-Rad-Reisen on tour. Da der Wahl-Münchner und Wahl-Allgäuer nach wie vor neugierig ist und sich auf alles Neue entlang seiner Touren freut, bringt er fast immer schöne Geschichten für alle "Radlfreaks" mit.