Von den Ammergauer Alpen windet sich die Ammer bis zur Mündung in die Isar bei Moosburg nördlich von München. Eine attraktive Radroute begleitet den Fluss auf seinem Weg durch Oberbayern.
Das Ammergebirge zwischen Loisach und Lech, zwischen Murnauer Moos und Lechtaler Alpen bildet mit einer Fläche von 28.850 Hektar Bayerns größtes Naturschutzgebiet. Hier verzahnt sich auf engstem Raum das klein strukturierte, bäuerliche Alpenvorland mit dem Hochgebirge. Immerhin reicht der höchste Gipfel, der Daniel, bis auf 2340 Meter Höhe. Drei Viertel des Gebietes zählt zu Bayern, ein Viertel zu Tirol. Die waldreichen Berge gehörten einst zum königlichen Jagdgebiet. Ein Grund dafür, dass die Täler und weiten Wälder bis heute relativ dünn besiedelt sind. Hier lag König Ludwigs II. Kinderstube. Hier wuchs er auf in Hohenschwangau, und hier ließ er zwei seiner Märchenschlösser an den Rand seiner geliebten Berge bauen: Neuschwanstein und Linderhof.
Ludwigs kleinstes Schloss ist ein alpines Kleinod nahe der Grenze von Bayern und Tirol, das seit diesem Jahr zum Unesco-Welterbe zählt. Nur wenige Kilometer oberhalb des Schlossparks entspringt auch die Ammer im wildromantischen Weidmoos. Wälder und Moore, wo Quellen und kleine Bäche sich langsam zum Fluss Ammer vereinen. Beim Schloss startet quasi der Ammer-Amper-Radweg – abgekürzt AAR –, der uns über rund 200 Kilometer aus den Bergen hinaus ins Alpenvorland und ins Münchner Umland dirigiert. Viele Besucher machen sich im Sommer gerne per Fahrrad auf die Spuren des Märchenkönigs. Für die meisten bleibt es jedoch bei den knapp zehn Radkilometern von Oberammergau bis Linderhof.
Aber selbst dieser kurze Ausflug zwischen hohen Bergen am Fluss entlang durch Wald und Moorlandschaft lohnt sich bereits. Apropos Oberammergau: Wie der Name schon andeutet, führt der Ammer-Radweg mitten durchs Alpendorf, berühmt für die legendären Passionsspiele, Herrgottsschnitzerei und historische Häuser mit Lüftlmalerei. Mit sich alleine sind die Besucher hier selten zwischen all den Souvenirshops und Straßencafés. Halb so schlimm, denn bereits am Ortsrand herrscht bald wieder Oberbayern-Idylle zwischen den bewaldeten Bergmassiven von Pürschling und Hörnle. Es folgt ein schwungvolles Auf und Ab zwischen kleinen Dörfern, wie Altenau, Unternogg und Rottenbuch, zwischen alleinstehenden Bauernhöfen und Landgasthäusern, mal auf holprigen Schotterwegen, mal auf asphaltierten Sträßchen.
Einige Kilometer im Wald führt der Ammer-Amper-Radweg über das ehemalige „Königsstraßerl“. So hieß im Volksmund einst die Kutschenroute, die Ludwig II. damals von seinen Schlössern bei Schwangau nach Linderhof führte. Heute dient die königliche Kutschenroute auch als Abschnitt des Fernradweges vom Bodensee zum Königssee. Zwischenzeitlich entfernt sich der Radweg etwas vom Flusslauf um die Ammerschlucht zu umfahren. Dort gibt’s keinen Radweg. Zu eng, zu schmal, zu felsig.
Ab Peiting radelt man wieder flussnah an der Ammer nach Norden durch den Pfaffenwinkel. Der heißt übrigens so, weil in dieser lieblichen Gegend besonders viele „Häuser der Pfaffen (Pfarrer)“, das heißt Klöster und Wallfahrtskirchen, stehen. Wikipedia zählt dazu 133 Kirchengebäude auf. Zum Beispiel das Kloster in Polling. Etwas gottlos zieht es die meisten Radler dort aber gleich in den Klosterbiergarten anstatt in die Kirche. Wie heißt es in Bayern oft so schön süffisant: „Der Klosterbiergarten ist dort, wo das Gebetbuch einen Henkel hat.“
Ein Tipp für Kunstfans ist am Ortsrand die STOA 169, eine wandlose Halle mit modern gestalteten Säulen.
Im nahen Städtchen Weilheim lohnt dann auf jeden Fall ein Stopp am Marienplatz. Ja, einen Marienplatz gibt’s nicht nur in München, sondern öfters in Bayern. Diesen pittoresken Altstadt-Treffpunkt hat bereits im Jahr 1909 Wassili Kandinsky in einem wunderschönen Gemälde verewigt. Allerdings gab es damals noch keine Eisdiele, jedoch sicher ein uriges Wirtshaus.
Hinter Weilheim weitet sich das Ammertal mehr und mehr. Der Weg führt an der Erdfunkstelle Raisting mit riesigen Parabolantennen. Auf den Dächern des Dorfes sind unzählige Storchennester zu erkennen. Bei Dießen mündet die Ammer schließlich in den Ammersee. Wieder einer dieser oberbayerischen Bilderbuchseen, der das Leben hier so angenehm macht – und nicht ganz billig. Im Sommer möchte man als Radler alle paar Kilometer anhalten und ins kühle Wasser springen. Die Strandbäder direkt am Radweg laden förmlich dazu ein.
Wenn die Ammer im Norden aus dem See hinausfließt, heißt sie Amper. Entsprechend wird das anschließende Naturschutzgebiet auch Ampermoos genannt. Etwas neidisch schauen viele Radelnde auf die bunten Schlauchboote im grün schimmernden Wasser. Die Bootslenkerinnen und Freizeitkapitäne lassen sich vom langsam fließenden Fluss gemütlich durch das Dickicht der Auenwälder treiben – kilometerweit, und sie brauchen so gut wie nichts zu tun außer etwas zu steuern und die Landschaft zu genießen.
Der weitere Weg präsentiert auch eine Menge Kultur statt Natur. Leider nicht nur Angenehmes und Kunstvolles, sondern auch mahnende Orte, wie das ehemalige Konzentrationslager in Dachau. Nach einem solch bedrückenden Blick in die Geschichte wirkt die steile Auffahrt zum Schloss und zur Dachauer Altstadt fast wie eine Wellness-Etappe. Überhaupt geraten die letzten Kilometer über Ampermoching und Allershausen bis zur Isar zum entspannenden Finale. Der Fluss wird begleitet von Altarmen und Auwäldern, wo der Biber für natürliche Unordnung und Urwald-Feeling sorgt. Bei Zolling dient eine Sandbank im Fluss den Kindern als Badestrand. Eine wahre Idylle mit einem kleinen Schönheitsfehler. Hoch oben setzen unüberhörbar im Minutentakt die Jets zur Landung auf dem Münchner Flughafen an. Das soll aber den Radgenuss nicht weiter trüben. In Moosburg, wo am nördlichen Stadtrand die Amper in die Isar mündet, kann man sich auf eine Bank vor dem Kastulusmünster setzen und die Radreise Revue passieren lassen: Auch diese Tour am Fluss hat mal wieder gezeigt, warum Bayern seit Jahren die Hitliste der beliebtesten Radreiseregionen Deutschlands anführt.
Gut zu wissen
Ammer-Amper-Radweg (AAR): Ammerquellen bei Schloss Linderhof bis nach Moosburg an der Isar, 203 km, 350 Höhenmeter, empfohlen für drei bis fünf Tagesetappen, https://ammer-amper-radweg.com
Pauschalreisearrangement mit Gepäcktransfer bei Feuer und Eis Touristik, www.feuer-eis-touristik.de
Allgemeine Infos: www.oberbayern.de
Über den Autor*Innen
Armin Herb
Seit Kindheitstagen sitzt der studierte Geograf auf dem Fahrrad und erkundet die Landschaft in Nah und Fern. Allerdings ist er auch gerne zu Fuß unterwegs, insbesondere in den Alpen und im Schwarzwald. Er publizierte rund zwanzig Bücher zum Thema Radfahren und Mountainbiken und schreibt bis heute Beiträge über Reisen, Radfahren, Wandern und Wintersport für Tageszeitungen, Online-Portale und Fachmagazine.